Arbeit 4.0 - anders arbeiten in einer digitalisierten Welt

26. Jan. 2017 München, Bayerischer Landtag, Senatssaal

 

Die Personengruppe - MeisterInnen, Tech­niker­Innen und IngenieurInnen (mti) in ver.di - hat unter anderem die Aufgabe, Kolleginnen und Kollegen zu aktuellen arbeitspolitischen, technologischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, zu informieren. Sowie über deren, in der Zukunft, möglicher Weise zu erwartenden Auswirkungen regelmäßig zu berichten.

Aus diesem Grund beschäftigt sich der mti - LBz. Ausschuss in Bayern seit einiger Zeit mit der Einführung und dem weiteren Ausbau der Digitalisierung. Sowie der Umsetzung dieser Prozesse in Wirtschaft und Öffentlichkeit. Wir sind der Meinung:

 

  • Die zunehmende Digitalisierung wird weitreichende Auswirkungen auf die zukünftige Arbeitswelt haben. Fortschreitende Technisierung lässt die Grenzen zwischen virtueller und realer Arbeitswelt zunehmend verschwimmen und heutige Kommunikations- und Informationstechnologien haben den Arbeitsalltag grundlegend verändert. Wir sind überall erreichbar und immer einsatzbereit. Computer oder computergesteuerte Maschinen übernehmen in allen Arbeitsbereichen Tätigkeiten, die bisher von Menschen erledigt wurden.

  • Es ist ein Thema, das die Gesellschaft als Ganzes betrifft und unseren Alltag in den kommenden Jahren immer stärker mitbestimmen wird.  Dabei geht es um neue Arbeitskonzepte mit flexiblen Arbeitszeiten, -orten und -verträgen, um die Unterstützung des Menschen durch die Maschine. Diese Prozesse und Diskurse sind in dem Schlagwort „Arbeit 4.0“ zusammengefasst. Unter diesem Titel veröffentlichte das Bundesarbeitsministerium Ende November ein Weißbuch mit Vorschlägen, wie mit dem Wandel umzugehen sei.

  • Viele Menschen sind besorgt, gerade weil der Grad der Veränderung auf lange Sicht noch nicht absehbar ist. Niemand weiß, wie sich die immer schneller voranschreitende Digitalisierung auf die Arbeitsplätze der Zukunft auswirkt, auch Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände sind unsicher. Die einen sagen, es wird sich nicht viel ändern (zumindest in den nächsten zehn Jahren), die anderen sprechen davon, dass 100.000 Arbeitsplätze verloren gehen, insbesondere im Bereich der Produktion.

  • Für Bayern sagt die Unternehmensberatung McKinsey voraus, dass bis zu 40 Prozent der heutigen Arbeitsplätze von den Auswirkungen der Digitalisierung und weiteren Strukturbrüchen betroffen sein werden.

  • Der Wandel wird sich nicht aufhalten lassen und das ist auch nicht wünschenswert. Denn er macht Vieles möglich, was vorher undenkbar war und er macht Vieles einfacher, was vorher mühsam war.

Aber grundlegende Veränderungen machen nicht alle zu GewinnerInnen, sondern führen auch dazu, dass viele Menschen abgehängt werden. Ende November 2016 hat das Bundesarbeitsministerium sein Weißbuch „Arbeiten 4.0“ vorgestellt mit Vorschlägen, wie der Digitale Wandel begleitet werden kann. Aber sind das die richtigen Maßnahmen und reichen sie auch aus?

Nach einer Begrüßung durch Verena Osgyan von der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Bayerischen Landtag führte Cornelia Daheim der Future Impacts Consulting ausgiebig in die Thematik ein und vermittelte einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.

Es folgte eine Podiumsdiskussion, die Thomas Mütze moderierte. Dr. Kira Marrs vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München verwies zunächst darauf, dass gesellschaftlicher Wandel auch immer von der Gesellschaft selbst ausginge und somit von dieser mitgestaltet würde. Deshalb sei es umso wichtiger, frühzeitig ins Gespräch zu kommen und die Weichen für die Zukunft gemeinsam zu stellen.
Cornelia Daheim, Zukunftsforscherin aus Köln, ist Vize-Präsidentin des Foresight Europe Network

 

Anschließend stellten sich fünf Start-Ups vor, die die Chancen der Digitalisierung zu Nutzen hoffen.

  • „Social Bees“ etwa verstehen sich als gemeinnütziges Zeitarbeitsunternehmen, das Geflüchtete auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet und den Kontakt zu potentiellen Arbeitgebern mit dem Ziel herstellt, nach spätestens anderthalb Jahren in eine Festanstellung übernommen zu werden.

  • Sie kombiniert die traditionelle Zeitarbeit mit einem neuartigen Integrationskonzept bestehend aus gezielter Qualifikation, sozialpädagogischer Betreuung und Freizeitaktivitäten.

  • „Talent Cube“ möchte den Kennenlernprozess zwischen Unternehmen und Bewerbern vereinfachen und den Aufwand von Betrieben im Recruiting-Prozess von Bewerbern schon im Vorfeld eines Vorstellungsgesprächs beschleunigen und vereinfachen will.

  • „everskill“ den Lernprozess von Arbeitenden nach Weiterbildungsveranstaltungen fördern und die Umsetzung des Gelernten vereinfachen. Aufbauend auf wissenschaftlicher Recherche und langjähriger Erfahrung im professionellen Trainingsbereich, hat everskill eine innovative Software entwickelt, welche Lern- und Entwicklungsansätze auf ein neues Level bringt.

  • „Mates“ soll eine Anlaufstelle und Austauschplattform für Freischaffende sein. Mates ist ein Coworking-Space und Netzwerk im Herzen Münchens.

Hier treffen kreative Selbständige, Freelancer und Startups aufeinander, um gemeinsam eine neue Arbeitskultur zu formen.

  • „cSouris“ aus Amberg steht für das Smart Home für jedermann. Clever - intuitiv - innovativ präsentierte sie einen Sensor für „intelligente Gebäude“ mit frei zugänglichem Betriebssystem. Ein Konzept aus einer Hand. Hard- und Software bis in die kleinste Einheit aufeinander abgestimmt und bis zur Perfektion gebracht. Bring dein Zuhause in das digitale Zeitalter und das so einfach und günstig wie noch nie!

Ob sich diese Konzepte am Markt durchsetzen werden kann man noch nicht sagen. Aber man kann an den Beispielen zumindest erkennen welche Denk- und Arbeitsansätze die Digitalisierung in Zukunft bringen kann.

Wir sind uns mit der Politik einig, dass der digitale Wandel politisch gestaltet werden muss. Es wäre falsch, die Entwicklungen einfach geschehen zu lassen oder den digitalen Wandel ausschließlich als technische Aufgabe zu behandeln. Wer sich darauf zurückzieht, hat das Ausmaß der Umwälzungen nicht erfasst oder nimmt fahrlässig soziale Verwerfungen in Kauf.

Die Chancen der Digitalisierung nutzen bedeutet, den mit der Digitalisierung verbundenen Umbruch aktiv politisch zu gestalten und Gefahren für Datenschutz oder digitale Bürgerrechte sowie Veränderungen des Arbeitsmarktes konsequent mitzudenken.

Neue technische Errungenschaften erfordern ein angemessenes Verhalten der Unternehmen, aber auch neue Rahmenbedingungen im Arbeitsschutz. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen hat jedoch laut einer aktuellen Studie der BITKOM immer noch keine strukturierten Vereinbarungen zum Thema Erreichbarkeit. Durch die immer weiter fortschreitende Entwicklung der Technologien ergeben sich neue Möglichkeiten der Kontrolle von Beschäftigten. Gerade nach den vielen Datenschutzskandalen ist deshalb eine sofortige und grundlegende Reform des Beschäftigtendatenschutzes überfällig.

Wolfgang Pertramer