Die Digitalisierung schreitet weiter voran – wie ist der Blick in die Zukunft?

So lässt sich der Inhalt des Fachkongresses der digitalen Gesellschaft beschreiben, der am 23.1.18 im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin stattfand.

Durch repräsentative Befragung der Bevölkerung (20.424 Interviews) erhalten wir Antworten die die Grundlage zur Gestaltung der Digitalisierung mit der Politik ergeben, so Hannes Schwaderer, Vorsitzender der digitalen Gesellschaft, bei der Eröffnung des Kongresses. Obwohl intelligente Geräte noch eine kleine Rolle spielen, wurden sie neu in der Studie mit aufgenommen.

Matthias Machnig, Staatssekretär im BMWE, betonte in seinem Grußwort, dass die Digitalisierung ein zentrales Themen der nächsten Legislaturperiode sein muss.

Über Zielkonflikte muss diskutiert werden und man braucht eine breite öffentliche Akzeptanz, der D21 Index bietet hierzu eine gute Grundlage. Deutschland sei bei Industrie 4.0 führend, das geht leider aus der Studie nicht hervor, so seine leise Kritik. Er führte weiter aus, wie das BMWE mit 23 Beratungszentren, mit Start-ups, etc. unterstützt. Einerseits sei ein massiver Anstieg von E-Kommerz zu verzeichnen und die Bürger gehen zunehmend kompetent mit den Medien um, andererseits reagieren 50% der Bevölkerung auf die Roboterisierung skeptisch.

Bei der Vorstellung der neuen D21 Studie, zeigte sich dass insgesamt 81% der Bevölkerung ab 14 Jahre das Internet nutzt. Dies ist ein leichter Anstieg von 2% zum Vorjahr, gerade bei den 50 – 65 Jährigen ist der höchste Zuwachs. Aber es sind immer noch 12 Mio Menschen die es nicht nutzen, insbesondere die Generation 65 + und Menschen mit niedrigen Bildungsgrad sind abgehängt. Smartphone und Laptop haben Handy und Deskop PC abgelöst. Besonders die Nutzung der online Dienste hat zugenommen, bereits 40% informieren sich zu Reisen im Internet. Der Index unterscheidet zwischen 7 Nutzergruppen:

Digital Abseitsstehende. Das sind Offliner: 19% (ohne Internet lässt es sich gut leben) Durchschnittsalter 70 und Minimal onliner 6%

Digital Mithaltende. Das sind Konservative Gelegenheitsnutzer 36% (Internet ja – aber wie geht’s) und vorsichtige Pragmatiker 5% (meine Daten gehören mir)

Digitalen Vorreiter. Das sind Refelektierende Profis 20% (Digital kann ich), progressive Anwender 9% und Technik Euthusiasten 5% (Die Zukunft ist digital) Durchschnittsalter 30

Von der Dynamik und Komplexität der Digitalisierung fühlen sich 32% der Befragten überfordert. Die Nutzung Intelligente Geräte wurde erstmals in Bezug auf persönliches Wohlbefinden und gewünschtem Verhalten untersucht. Die Mehrzahl fühlt sich dabei unwohl und überfordert, z.B. 66% bei Reisen in selbstfahrenden Autos.

Die Komplexität der Digitalisierung erfordert den Ausbau der Digitalkompetenzen, hierzu wurden 5 Bereiche definiert: Informationsverarbeitung, Kommunikation, Erstellen von Inhalten, Schutz und Sicherheit und Problemlösung.

Nur ein kleiner Teil der arbeitenden Bevölkerung (16%), nutzt aktuell home-office bzw. arbeitet von unterwegs aus. Interessanterweise mehr Männer wie Frauen. Und 37 % sehen in der Digitalisierung Chancen für neue Jobentwicklungen, das ist eine Steigerung von 9% zum Vorjahr.

Die komplette Studie ist nachlesbar unter www.InitiativeD21.de

Nach der Vorstellung der Studie erfolgte diesmal eine eher kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung.

In seinem Denkimpuls „nächste Ausfahrt Zukunft“ sieht der Wirtschaftsjournalist, Physiker und Autor Ranga Yogeshwar durch die Digitalisierung eine massive Veränderung der Gesellschaft. Hier sind wir erst am Anfang und Ranga Yogeshwar hat viele Fragen aufgeworfen.

Wir sind heute nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, was ist von Menschen gemacht und was von Maschinen. Dies hat er sehr humorvoll am Klavierkonzert seiner Töchter vorgeführt. Ein weiteres Beispiel, ohne Selfie bist Du nicht und ohne Bild hat etwas nicht stattgefunden. In Berlin wurde bereits schon mit QR-Code gebettelt, und unsere Kinder wachsen mit der Sprachfunktion des smart-phone auf und bauen zu diesen sprechenden Apparaten eine Beziehung auf. Kinder (und auch Erwachsene) vertrauen diesen Marketingrobotern mit all ihren Algorithmen. Daraus entsteht die Frage, sind Algorithmen akzeptabel, die wir nicht verstehen? Darf ein Rechtssystem Algorithmen verwenden?

Soziale Netzwerke haben längst ihre Unschuld verloren, fake-news sind das Ergebnis. Aus Massenmedien sind die Medien der Massen geworden, so verfügt Trump über ein klassisches Massenmedium das er regelmäßig bedient. Jedoch soll guter Journalismus sich nicht am Leser orientieren, sondern dem Leser Orientierung bieten. Es ist kein Zufall, dass China facebook blockiert, denn soziale Medien können destabilisierend wirken. Und was bringt es, wenn die Nutzer bei facebook die Glaubwürdigkeit einer Nachricht bewerten? Was hilft Netzneutralität, wenn die Ebene darüber nicht neutral ist? Digitalisierung ist eben nicht die Abbildung 1:1 des Menschen.

Zum Schluss ging er noch auf die Blockchain Währungen ein, dies sei eine Revolution der Weltwirtschaft mit noch völlig unklaren Folgen.

Den zweiten Denkimpuls gab Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker und Autor unter dem Motto „Ethik unter Digitalisierungsstress“.

Prof. Dueck sieht momentan eine Welt in der Vertrauen verloren geht. An Beispielen hat er dies in seinem Vortrag festgemacht und sich dabei auf die sogenannte Akerlof Spirale bezogen. George Akerlof hat für sein Thema „The Market for Lemons-Qualitty, uncertainty and the Market Mechanism” 2001 den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. Wir befinden uns in einem Down-turn of Quality, Prices, People, Produkts, Volues, innovation, Research, Relation and Trust. Die Wirtschaft verteidigt dabei ihre Business Modelle gegen Disruption, Schlagworte wie der Kunde steht im Mittelpunkt (aber wovon?), oder Wirtschaftsskandale (VW) prägen heute das Bild – und niemand regt sich mehr auf (das machen ja alle).

Die Digitalisierung führt zu Zahlenmanagement, es ist eine Diktatur der „Messbarkeit“ und der „Omnimetrie“. Die Motivation der „Humanressourcen“ erfolgt durch „Möhren“ und Arbeitsplatzverlustangst. Ethik redet von Menschen und nicht von Humanressourcen, und Menschen mögen Zukunftsperspektive und Sicherheit. Heute müssen Gerichte entscheiden, was Ethik ist und wir gehen immer an die Grenzen. Prof. Dueck fordert ein raus aus der Akerlof – Spirale und eine neue ethische Perspektive.

Buch: Abschied vom Homo Oeconomicus Warum wir eine ethische Vernuft brauchen, www.omnisophie.com

Nach jedem Vortrag folgte eine Podiumsdiskussion:

In der ersten Runde ging es um die Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Stefan Schnorr, Abteilungsleiter Digital- und Innovationspolitik, betonte, dass es unstrittig ist, dass Jobs wegfallen, aber auch neue Jobs entstehen werden. Dazu müssen die Menschen mit der Digitalisierung vertraut gemacht werden, die Politik kann da nur Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Maxim Nitsche, Gründer des Start-up Math 24, sieht eine ansteigende Arbeitslosigkeit durch Nutzung von künstlicher Intelligenz. Er glaubt, dass dies viel schneller geht, als wir uns das vorstellen können. Prof. Yogeshwar sieht geradezu ein neues Zeitalter, in dem menschliche Arbeit nicht mehr im Vordergrund steht, auf uns zukommen. Roboter werden die modernen Sklaven sein und Menschen können sich den schönen Dingen zuwenden. Jedoch haben die Menschen Angst, dass diese Zukunft ohne sie stattfindet. Wenn es nicht gelingt, diese Ängste zu nehmen, so wird sich die Gesellschaft weiter spalten, darin waren sich Prof. Yogeshwar und Maxim Nitsche einig. Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp, Leiterin Personalentwicklung Deutsche Bahn, berichtet von dem Umstieg ihres Unternehmens und vom Abschied von analogen Strukturen. Bei jungen Menschen steht zunehmend die Frage nach der Gestaltung des Lebens im Vordergrund.

Hier spannte sich der Bogen vom euphorischem Start-up zur geerdeten Personalchefin. Wie Beschäftigte den Prozess mitgestalten können war leider kein Thema.

In der zweiten Runde beschäftigten sich die Diskussionsteilnehmer mit Ethik. Nicolai Andersen, Initiative D21, sieht in den Maschinen und Algorithmen gute Hilfsmittel. Man müsse aber verstehen wie sie funktionieren. Selbst er als Mathematiker könne die Algorithmen nicht verstehen, entgegnete Prof. Dueck. Politik will gewählt werden und wenn einer mit unethischem Verhalten beginnt, so folgen alle Anderen, gab Thomas Jarzombek MdB, Sprecher der digitalen Agenda CDU/ CSU, zu. Menschen die sich ethisch verhalten stolpern dann auch oft über unüberlegtes Handeln. Wir brauchen Sicherheitssysteme, dass z.B. der Pflegeroboter nicht Menschen durch Algorithmen tot pflegt, forderte Prof. Dr. Ina Schieferdecker vom Fraunhofer FOKUS. Dabei muss bei aller Digitalisierung Ethik eingefordert werden.

Deutlich wurde in der Diskussion, dass der Begriff Ethik sehr dehnbar ist und von jedem anders interpretiert wurde.

Ulrich Bareiß

Mitglied im Vorstand der Bundesfachgruppe Industrie und mti Bundesausschuss